Die Geschichte der JOHN T. ESSBERGER

26. April 1975: Die JOHN T. ESSBERGER wird in Bardenfleth an der Weser getauft. Taufpatin ist Liselotte Rantzau-Essberger. John T. Essberger war ihr Vater.

Noch nie hat die DGzRS einen Seenotkreuzer dieser Größe gebaut. Gleichzeitig bei der Fr. Schweers im Bau: zwei weitere Schiffe des gleichen Typs.

Gründe: Seit Beginn der Containerschifffahrt sind zunehmend größere Schiffe an die Tiefwasserwege gebunden.

Der neue Seenotkreuzer der DGzRS sorgt für große Aufmerksamkeit auch in den Medien. Für die DGzRS ist ihr neues Schiff eine „schwimmende Rettungsstation“, Journalisten schreiben vom „größten, schnellsten und modernsten Seenotkreuzer der Welt“.

(Ins Bild klicken zum Öffnen der Galerien.)


Nach umfangreichen Erprobungsfahrten geht die JOHN T. ESSBERGER im Sommer 1975 auf Einsatzposition nördlich von Fehmarn nahe den viel frequentierten Großschifffahrtswegen. Die technische Ausstattung ist für die damalige Zeit herausragend, die rettungsdienstliche Gesamtkonzeption des Schiffes ein bedeutender Schritt in die Zukunft: Die JOHN T. ESSBERGER ist von vornherein für Sonderaufgaben als „örtlicher Such- und Rettungsleiter“ gebaut. Straffe Organisation und exzellente Kommunikationsmöglichkeiten sind inzwischen notwendig, um bei großen Havarien der Schifffahrt wirkungsvoll eingreifen zu können.


Bereits im ersten Einsatzwinter wartet eine harte Prüfung auf die JOHN T. ESSBERGER. Nord- und Ostseeküste erleben nach tagelangem Nordwestorkan die höchste jemals registrierte Sturmflut. Bei starkem Sturm und Schneeböen evakuiert die Besatzung des Seenotkreuzers am 4. Januar 1976 mit Hilfe von Tochterboot ELSA und dem Seenotrettungsboot EDUARD NEBELTHAU von der Station Heiligenhafen ein vom Wasser eingeschlossenes Kinderheim auf der Halbinsel Graswarder vor Heiligenhafen. Die Sturmflut hatte die gesamte Insel in drei Teile geteilt und die Verbindungsstraße mit dem Festland zerstört. Die Seenotretter versorgen 42 Kinder und ihre Betreuer im Bordhospital.

Schon 1978 verändert sich die Farbgebung, denn die DGzRS stellt nach umfangreichen Versuchen die Farben der Flotte auf „Tagesleuchtfarbe“ um. Nach und nach verschwindet der vorher typische Orange-Ton aus der Flotte.

Die JOHN T.ESSBERGER wird im Brückenbereich noch einmal geringfügig verändert. Die Bulleyes verschwinden von der geschlossenen Brücke, größere Fenster erlauben bei Suchfahrten einen besseren Überblick.

Im Eiswinter 1978/79 fahren die Einheiten der DGzRS auf fast allen Stationen Eisnot-Einsätze. Vor allem die Inseln und Halligen an der Nordseeküste sind schwer getroffen: Wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten, weil auf normalem Wege keinerlei Versorgungsgüter herangeschafft werden können, sind sie auf die Hilfe der Seenotkreuzer angewiesen. Lebensmittel- und Treibstofftransporte werden organisiert, Medikamente und Hilfspersonal befördert und Krankentransporte durchgeführt. Wo Telefonleitungen ganze Ortschaften von lebensnotwendigen Verbindungen abgeschnitten haben, springen die Seenotretter mit Funkgeräten ein. Oft sind die Seenotretter rund um die Uhr im Einsatz.


Die 80er Jahre…

November 1982. Auf dem Lübeck-Gedser-Weg bricht im Maschinenraum eines Autotransportschiffes Feuer aus. Die große Hitze an Bord verformt bereits das Maschinenraumdeck, als die JOHN T. ESSBERGER eintrifft. Der Seenotkreuzer pumpt abwechselnd Löschwasser und Schaum in die Luken der beiden Schornsteine, um den Brand zu ersticken. So vorbereitet bringt ein Schlepper den Havaristen nach Travemünde. Dort löscht die Lübecker Feuerwehr die Reste des Brandes.

März 1985. Das Fährschiff „Danmark“ kollidiert im Fehmarnbelt in dichtem Nebel mit einem vom Treibeis versetzten Tonnenstein. Durch ein Leck dringt Wasser in den Ölkreislauf der Maschine ein – Totalausfall aller Aggregate. Die Fähre läuft aus dem Ruder und vor dem dänischen Fährhafen Rødby auf Grund. Alle 128 Passagiere bleiben unverletzt. Die JOHN T. ESSBERGER arbeitet sich vorsichtig durch Nebel und riesige Treibeisfelder. Sie übernimmt alle Passagiere und bringt sie in Dänemark an Land.

Ab 1985 kennzeichnet die DGzRS ihre Schiffe mit „SAR“ am Bug – für „Search and Rescue“, Suche und Rettung. Grundlage ist die am 22. Juni international in Kraft getretene internationale SAR-Konvention, die sicherstellt, dass bei See- und Luuftnotfällen weltweit nach gleichen Regeln und Verfahrensweisen gesucht und gerettet wird.


Die 90er Jahre…

Mai 1992. Der Flüssigtanker „Astra“ meldet auf dem Lübeck-Gedser-Weg „Feuer im Maschinenraum – die Lage ist bedenklich“. Nach einem Leitungsdefekt hat sich der Maschinenkessel auf über 400 Grad erhitzt. Die JOHN T. ESSBERGER führt als „On Scene Coordinator“ (Einsatzleiter vor Ort) neben dem Seenotkreuzer VORMANN JANTZEN der Station Warnemünde auch den dänischen Seenotkreuzer „L. W. Dam“. Die Besatzung der JOHN T. ESSBERGER setzt ihre Schaumlöschanlage ein. Zusammen mit der Kohlendioxid-Anlage des Tankers gelingt es, den Brand zu löschen: Nach einer guten halben Stunde heißt es „Feuer aus“.

1998 wird ein altes Schulungsgebäude der Marine am ehemaligen Fähranleger als Stationsgebäude übernommen. Eine Werkstatt für Reparatur- und Wartungsarbeiten wird eingerichtet.


Seit dem Jahr 2000...

19. Juni 2001. Auf dem Steindamm vor dem Fährhafen Puttgarden kommt die dänische Fähre „Prins Richard“ mit rund 500 Menschen an Bord fest. Die JOHN T. ESSBERGER und das in Puttgarden stationierte Seenotrettungsboot EMIL ZIMMERMANN bringen erste Hilfe: Notarzt und Rettungssanitäter versorgten zwei verletzte Männer. Einen davon bringt die JOHN T. ESSBERGER umgehend an Land.

26. September 2008. Nach kurzem Werftaufenthalt an der Unterweser Transit zurück nach Großenbrode. Ab 16.10 Uhr MEDEVAC (Medical Evacuation = Abbergung aus medizinischen Gründen) vom MV Balmoral, einem 218 Meter langen Kreuzfahrtschiff, zehn Seemeilen (ca. 18 Kilometer) nördlich von Wangerooge. Mit dem Patienten an Bord läuft die JOHN T. ESSBERGER Cuxhaven an, wo der Patient auf der Trage per Kran an Land verbracht und vom Rettungstransportwagen übernommen wird.


30. September 2009. JOHN T. ESSBERGER in Saßnitz auf Rügen. Normalerweise ist hier die WILHELM KAISEN auf Station, die zu diesem Zeitpunkt in der Werft überholt wird. Östlich von Prora vor der Insel Rügen ereignet sich ein schwerer Tauchunfall. Um 11.25 Uhr haben Tauchkollegen den zeitweise bewusstlosen Mann mit einem offenen Boot zum Liegeplatz des Seenotkreuzers JOHN T. ESSBERGER im Hafen von Sassnitz gebracht. Über eine Trage wird er mit dem schiffseigenen Spezial-Kran an Bord genommen und sofort im Bordhospital erstversorgt. Nur wenige Minuten später kann der eingetroffene Notarzt die Behandlung übernehmen. Um 12.35 Uhr landet der Rettungshubschrauber am Liegeplatz des Seenotkreuzers und übernimmt den Verletzten. Der 54-jährige Mann aus Gera wird in eine Spezialklinik geflogen.


29. Januar 2010. „MAYDAY“ vom Fischkutter „Inge Lore“. Gegen 7.30 Uhr hat die Besatzung der knapp 15 Meter langen „Inge Lore“ (Heimathafen Burgstaaken) etwa fünf Seemeilen (zirka neun Kilometer) südöstlich des Leuchtturms Staberhuk einen „Mayday“-Ruf abgesetzt und Wassereinbruch gemeldet. Die SEENOTLEITUNG BREMEN der DGzRS alarmiert die JOHN T. ESSBERGER. Durch eine vermutlich vom Eisgang eingedrückte Planke im Vorschiff sind die Besatzungsunterkünfte der „Inge Lore“ bis zum Niedergang voll Wasser gelaufen. Zwei in der Nähe befindliche andere Fischkutter gehen längsseits, können den Havaristen jedoch nicht stabilisieren. Der Seenotkreuzer übergibt seine leistungsfähigere Lenzpumpe und übernimmt die „Inge Lore“ zum seitlichen Schlepp an seine eigene Backbordseite. Heftige Schneefälle erschweren die Bergungsarbeiten. Das Einlaufen nach Burgstaaken gestaltet sich wegen einer nur schmalen eisfreien Rinne als sehr schwierig. Die Seenotretter stoppen zunächst auf Höhe der Ansteuerung und lassen sich zusätzliche Pumpen der Feuerwehr von einem weiteren Fischkutter bringen, damit der Havarist kurzzeitiges Schleppen hintereinander „in Reihe“ und ohne Pumpenunterstützung übersteht. Das Tochterboot ELSA des Seenotkreuzers geleitet die „Inge Lore“ schließlich, gezogen von einem Fischkutter, in den stark vereisten Hafen.


9. Oktober 2010. Dramatische Rettungsaktion in der Ostsee: Sechs Seemeilen (ca. elf Kilometer) nordwestlich von Fehmarn brennt in der Nacht die 200 Meter lange litauische Fähre „Lisco Gloria“ in weiter Ausdehnung. Das „Mayday“ der Fähre erreicht die SEENOTLEITUNG BREMEN kurz nach Mitternacht. Umgehend gehen die JOHN T. ESSBERGER, Seenotkreuzer BREMEN von der Station Grömitz, die BERLIN aus Laboe, die VORMANN JANTZEN aus Maasholm und später, zur Ablösung, die ARKONA von der Station Warnemünde, in den Einsatz. Zusammen mit Marine, Bundespolizei, zeitweise Fracht- und Fährschiffen sowie deutschen und dänischen Behördenschiffen sind die Seenotretter die ganz Nacht hindurch bis zum nächsten Tag im Einsatz.

Die 236 Passagiere der „Lisco Gloria“ können von der im Unfallrevier laufenden „Neustrelitz“ der Bundespolizei aufgenommen worden. Ein SAR-Hubschrauber birgt einen Jugendlichen von der brennenden Fähre ab. Die Fähre „Deutschland“ übernimmt alle Geretteten und bringt sie zur weiteren Versorgung nach Kiel.